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30.03.2025
30.03.2025
Themenbeitrag

Wie offen ist unsere Gesellschaft eigentlich?


Bild von: MagicZyks

 

Also sexuell gesehen - meine ich!

Viele Menschen haben inzwischen den Überblick verloren, wie viele Geschlechter oder sexuelle Identitäten es gibt. Die Debatte um Geschlechtervielfalt und der Kampf der LGBTIQ*-Community um Akzeptanz lassen manche glauben, wir seien sexuell liberal. Und ja, das sind wir auch – irgendwie.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass es zwar völlig akzeptiert ist, sich einem von 75 möglichen Geschlechtern zuzuordnen, solange ich mit keinem davon Sex haben möchte.

Sexualität bleibt verdächtig.

Im Internet scheint Sexualität – insbesondere Pornografie – allgegenwärtig. Schätzungen zufolge entfallen 12-15 % des weltweiten Internet-Traffics auf dieses Segment. Ältere Zahlen waren deutlich höher, doch durch die steigende Nutzung von Streaming-Plattformen wie Netflix, Prime oder Apple TV, die enorme Datenmengen verbrauchen, ist der prozentuale Anteil von Pornografie gesunken.

Doch wo sitzen die großen Pornografie-Anbieter in unserem liberalen Europa?

Nicht in Wuppertal oder München. Auch nicht in Paris, London oder Florenz. Aber dafür konzentriert in Kanada, Tschechien, den USA und auf Zypern.

Wer in Deutschland jemals bei einer Bank vorgesprochen und als Geschäftszweck "Erotik" angegeben hat, weiß vielleicht, warum Deutschland kein guter Standort für diese Branche ist.

Zur Klarstellung: Es gibt durchaus Firmen in Deutschland, die mit Erotik erfolgreich sind und Banken gefunden haben, die sie begleiten. Doch die Möglichkeit bedeutet nicht, dass es einfach ist. Viele AGB und Compliance-Richtlinien von Banken enthalten unscharfe Formulierungen, die – wenn gewollt – jederzeit als Kündigungsgrund herangezogen werden können.

Im Laufe der Jahre habe ich Dutzende Menschen aus unserer Szene getroffen, die mir erzählt haben, wie sie plötzlich und für sie unerwartet von ihrer Bank gekündigt wurden. Vom Event-Veranstalter, Location-Betreiber, Payseiten Anbieter bis zur Domina. Leider gibt es in der Erotikbranche wenig Zusammenhalt: Man hört die Geschichte des Betroffenen, murmelt ein "Das ist ja blöd" – und das war's. Insgeheim hofft man vielleicht noch, dass die Partygäste des betroffenen Kollegen jetzt auf die eigene Veranstaltung kommen.

Eine Lobby für gewerblich in der BDSM-Szene Tätige? Mir ist keine bekannt. So bleibt jeder mehr oder weniger Einzelkämpfer.

Und Banken sind nur ein Teil des Problems. Wer Räume für eine Party, einen Workshop oder ein Domina-Studio mieten möchte, stößt oft auf Ablehnung. Dass mein Geschäftszweck weder illegal noch unseriös ist, hilft mir nicht, wenn er schlicht als „unerwünscht" gilt.

Vielleicht ist das für dich – lieber Leser – irrelevant, solange du kein BDSM/Erotik-Business gründen willst. Doch der Umgang mit den gewerblichen Akteuren der Szene ist ein guter Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen.

Wäre ich pessimistisch, könnte ich eine Dystopie zeichnen: Erst behindert man die kleinen Peitschenhändler und Andreaskreuz-Schreiner in ihrem Business, dann die sexuell orientierten Internetportale und Partys – und schließlich ist die gesamte Szene aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt.

So düster, wird es nicht kommen.

Aber: Einmal erlangte Freiheiten gleich welcher art sind keineswegs garantiert. Sie müssen immer wieder verteidigt werden.

Das "Schwedische Modell" – Fort- oder Rückschritt?

Ein weiteres Beispiel: Seit einigen Jahren taucht das "Schwedische Modell" (auch "Nordisches Modell" oder "Sexkaufverbot" genannt) immer wieder in politischen Debatten auf.

Das Prinzip: Die Freier werden kriminalisiert, nicht aber die Prostituierten. Die Idee dahinter: Prostitution ist eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt und darf nicht als „normale Arbeit“ betrachtet werden.

Würde dieses Modell in Deutschland eingeführt, entstünde eine paradoxe Situation: Ich dürfte etwas legal anbieten, doch du würdest dich strafbar machen, wenn du es in Anspruch nimmst. Im „worst case“ zeige ich dich nach dem Kauf noch an.

Folgende Länder haben dieses Modell bisher übernommen:

  1. Schweden (1999) – Erstes Land mit diesem Modell, um die Nachfrage nach Prostitution zu reduzieren.
  2. Norwegen (2009) – Übernahm das Modell mit zusätzlichen Maßnahmen gegen Menschenhandel.
  3. Island (2009) – Verbot ebenfalls den Sexkauf und stärkte Schutzmaßnahmen für Prostituierte.
  4. Kanada (2014) – Einführung des „Protection of Communities and Exploited Persons Act“.
  5. Nordirland (2015) – Als erster Teil des Vereinigten Königreichs das Modell übernommen.
  6. Frankreich (2016) – Kriminalisierte den Sexkauf und führte Unterstützungsprogramme ein.
  7. Irland (2017) – Folgte dem Beispiel Nordirlands mit einem ähnlichen Gesetz.
  8. Israel (2020) – Kriminalisierte Kunden und bot Prostituierten Hilfsprogramme an.
  9. Schottland (in Diskussion) – Überlegt derzeit, das Modell einzuführen.

Prostitution ist ein äußerst vielschichtiges Thema – so sehr, dass ich nicht behaupten möchte, alle Aspekte vollständig erfassen zu können. Mir geht es um etwas anderes: Ein solches Gesetz kann - meiner Einschätzung nach - nur dann Sinn ergeben, wenn man den Glaubenssatz "Prostitution ist Gewalt" vorbehaltlos teilt.

Die Liste der Länder, die dies so sehen ist lang, wie man oben sehen kann.

Diese, in meinen Augen, eindimensionale Sichtweise zeigt, dass in westlichen Gesellschaften jegliche Rationalität und intellektuelle Auseinandersetzung schnell über Bord geworfen wird, sobald es um das Thema Sexualität geht – obwohl sie sich sonst gern als aufgeklärt und vernunftgeleitet präsentieren.

Statt eine differenzierte Debatte zu führen, wird Sexualität oft als etwas Anrüchiges oder Gefährliches betrachtet, das möglichst aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden sollte. Dieses Denken spiegelt sich auch im nordischen Modell wider, das Prostitution nicht als vielschichtiges gesellschaftliches Phänomen mit zahlreichen Facetten anerkennt, sondern vorrangig moralisch bewertet und zu unterbinden versucht.

So offen wie wir glauben, sind wir noch lange nicht!

Autor
MagicZyks
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